Zu Beginn des
Buch-Film-Koch-Experiments machen wir einen Ausflug in die Provence. Einverstanden?
Es ist Frühsommer: Die Birnen werden
langsam reif, der Lavendel beginnt zu blühen. Die Sonne scheint. Schon in Stimmung? Ich auch!
Als ich vor ein paar Wochen bei der
Premiere von „Birnenkuchen mit Lavendel“ im Kino saß und in den
Bildern schwelgte, wollte ich nicht, dass die Geschichte um Pierre
und Louise je wieder aufhört. Das tat sie nach 97 Minuten natürlich doch, aber für
einen noch ziemlich klammen und kalten Vorfrühlingsabend Anfang März ging ich recht
beschwingt und mit der Idee nach Hause, dass diese zauberhafte
französische Komödie unbedingt in den Buch-Koch-Blog muss - auch
wenn es sich hier maximal um ein sehr schönes Drehbuch und nicht um
einen Roman handelt.
Wie ein Märchen mutet die Erzählung an. Und gar nicht kitschig kommt die Geschichte um einen Mann mit Asperger-Syndrom, einer milden Form von Autismus, und einer verwitweten Birnenzüchterin, die tief in Schulden steckt, rüber. So können nur Franzosen mit etwas skurrilen, aber liebenswerten Charakteren umgehen. Man denke nur an "Die fabelhafte Welt der Amélie" oder "Die anonymen Romantiker"!
Märchenhaft soll die Filmkomödie um das ungewöhnliche
Paar tatsächlich sein, sagte Autor und Regisseur Eric Besnard im Gespräch mit
den Premierenbesuchern. Er verriet auch, dass seine Frau, eine Psychologin, ihn zu der Story inspiriert habe.
Als Pierre Louise eines Abends vors Auto läuft und danach - abgesehen von einer Platzwunde am Kopf mehr oder minder unverletzt - einfach in der Wiese hocken bleibt, merkt sie schnell, dass etwas an ihm anders ist.
Er ist besonders, oder?
Er ist ehrlich, zuverlässig, treu und will niemandem etwas Böses. Ja, er ist tatsächlich etwas Besonderes.
Birnenkuchen mit Lavendel, F, 2016
Louise nimmt ihn mit nach Hause und verarztet ihn. Pierre bleibt über Nacht - und räumt erst einmal das Haus auf: Alles wird sortiert - nach Farben, Formen, Größe. Und, Pierres Spleen, bald kleben mancherorts auch bunte Sticker, zum Beispiel auf den Marmeladengläsern, die selbstverständlich ebenfalls ordentlich gestapelt worden sind. Aus den Punkten kann Pierre übrigens kleine Kunstwerke kleben. Das wird der Zuschauer später noch sehen.
Auch sonst verhält Pierre sich in vielen Situationen ungewöhnlich: offen, unverstellt und direkt. Das bringt die Zuschauer oft zum Schmunzeln oder Lachen - zum Beispiel, wenn er auf dem Markt, wo Louise Birnen, Birnenkuchen, Honig, Marmelade und mehr verkauft, Kundengespräche führt. Es berührt aber auch: Wunderschön die Szene, in der Louise Blumen von Pierre bekommt. Nicht einen Strauß, sondern 37 wundervolle Bouquets: für jedes Jahr, das Louise auf der Welt ist, und für jeden Geburtstag, zu dem Pierre ihr bisher nicht gratulieren konnte, einen...
Er erlebt die Dinge intensiver als andere.
Birnenkuchen mit Lavendel, F, 2016
Pierre geht als Asperger-Mensch auf eigene Weise durch die Welt: Er kann stundenlang die Wolken beobachten und in jeder etwas - ein Bild oder eine Figur - entdecken. Er sitzt manchmal da - mit nur einem Halm Lavendel in der Hand, dreht und wendet ihn gegen das Sonnenlicht und nimmt den Geruch ganz bewusst in sich auf. Beim Zusehen entschleunigt auch das Publikum irgendwie, so beruhigend wirken diese Szenen. Glücklicherweise hat Pierre auch eine besondere Begabung für Zahlen und damit fürs Geschäftliche. Nicht nur damit rettet er die um ihre Existenz kämpfende Louise. Er verändert ihr Leben und das ihrer beiden Kinder auch sonst zum Besseren. Mehr sei jetzt aber wirklich nicht verraten.
Kommen wir zum Kochen. Der Filmtitel bietet sich zum
Nachmachen geradezu an und hat zumindest an meine Geschmacksnerven appelliert: Back
mich! Es war auch überhaupt nicht schwer,
jemanden zum Mitmachen zu finden. Meine Freundin Franzi war sofort
bereit, mit mir den Geschmack der Provence auf dem Backblech zu testen. Natürlich ist auch sie vorher zu
Recherchezwecken ins Kino gegangen – und begeistert wieder heraus
gekommen.
Anders als in den vielen Romanen, die hier noch
verkocht, verbacken und verbraten werden sollen, hatten wir kein Rezept vom "Birnenkuchen mit Lavendel" mitgeliefert bekommen. Ich habe also etwas aus dem Netz gefischt - eine „Apfel-Birnen-Tarte mit Lavendel – französischer Art“.
Die haben wir filmgerecht abgewandelt.
Vergangenen Sonntag brachte Franziska Berlins beste Bio-Birnen. Ich hatte den Rest besorgt. Los ging´s mit der Grundlage: Aus ökologisch unbedenklichen Eiern, ebensolcher Butter, Dinkel-Vollkorn-Mehl und
Roh-Rohrzucker (immerhin befinden wir uns in Prenzlauer Berg, da
verschreibt man sich einer vollwertigen, bewussten Ernährungsweise
praktisch schon beim Einzug) kneteten wir den Mürbeteig und
ließen ihn eine halbe Stunde im Kühlschrank ruhen.
Die Birnen hatte Franzi übrigens
schon ein paar Tage zuvor besorgt, damit sie nachreifen und etwas
weicher werden konnten. Für die Konsistenz im Kuchen war das toll.
Das Schälen und Schneiden wurde dadurch jedoch zu einer etwas
glipschigen Angelegenheit. Die Birnenspalten werden übrigens am besten sofort mit etwas Zitronensaft übergossen, damit sie nicht unansehnlich braun werden. „On top“ fehlt noch der Guss. Den haben wir aus Sahne, Eigelben und lauwarmem Lavendelhonig angerührt – und dann im Kühlschrank den Platz mit dem inzwischen erkalteten Teig tauschen lassen.
Der wird ausgerollt und in eine
Tarteform gegeben. Birnen drauf und im auf 200 Grad vorgeheizten Ofen
20 Minuten backen lassen. Dann erst kommt der Guss darüber. Das Gesamtwerk
soll weitere 20 bis 25 Minuten im Herd verbleiben. Bei uns brauchte es
rund 10, 15 Minuten länger: Der Kuchen sah nach der angegeben Backzeit
immer noch recht flüssig aus. Das lag wahrscheinlich an den schon sehr saftigen Birnen. Unter ständiger Beobachtung haben wir den Kuchen weitergaren lassen, bis wir ihn schließlich für sehr gut und fertig befunden haben. Garniert wird das Ganze zum Abschluss mit etwas Puderzucker und einer Handvoll Lavendelblüten. Zur Deko dürfen auch noch ein paar Zweige obenauf gelegt werden. Die hatte ich in getrockneter Form noch im Haus: Ich habe sie letzten Sommer liebevoll auf meinem Balkon gezüchtet.
Den Kuchen haben wir abends unsere Freunde beim Tangotanzen verkosten lassen. Der goldbraune "Birnenkuchen mit Lavendel", der durch den Dinkel-Vollkornteig einen besonderen Pfiff bekommen hatte, kam bei allen geschmacklich gut an - und war ruck zuck alle.
Übrigens klingt nicht nur der deutsche Titel lecker. Im französischen Original heißt der Film „Le goût des merveilles". Es geht, wörtlich übersetzt, um den Geschmack der Wunder, ebenso aber auch um ein typisch französisches Gebäck gleichen Namens. Wer mag, kann es ja mal nachbacken - und das Ergebnis unten als Kommentar posten. Ein Rezept für Merveilles gibt es hier...
LE FIN
- vorläufig…




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